Reisezeit und Dauer
22. bis 31. August 2026
22. bis 31. August 2026
Natürlich geht es bei einer Rad-Tour von Berlin nach Prag um Kilometerfressen, Bierversuche, Saunagänge, Räucherfisch, Spreegurken, Ost-West-Vergleich u.v.m.. Aber vor allem ging es um die Pflege unserer langen Freundschaft (seit 1991). Das ist uns – wieder mal – in kongenialem Zusammenspiel gelungen: Hinnerk hat die Route geplant und ich habe die Wirtshäuser ausgesucht. Gemeinsam haben wir die 9 Tage und rund 550 km zu einem unvergesslichen Erlebnis geformt.

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Tour: Angefüttert mit Chinesischen Dumplings, Pâté & Rosé aus Frankreich sowie türkischem BBQ – wir sprechen nur über einen Bruchteil des kulinarischen Kosmos zwischen Neukölln und Kreuzberg – kletterte ich am nächsten Morgen auf mein Rad.
Die erste Etappe war mit 100 km gleich die längste und ideal für den Kalorienabbau. Zu meiner Überraschung waren die Berliner Radwege gut in Schuss und es war wenig los an diesem Samstag. Trotzdem brauchte ich fast eine Stunde bis zur Stadtgrenze. Dann schwenkte ich Richtung Süden durch die ostdeutschen Spree-Weiler Königs-Wusterhausen, Zossen oder Groß-Köris, meist durch Wälder oder entlang des Wassers – entspannt und naturnah!
In Lübbenau quartierten wir uns zwei Tage ein, um den Spreewald mit seinen Kanälen, Gurken und Fischen zu erkunden. Von Lübbenau aus kann man die Highlights des Spreewalds – wie Lehde, Leipe oder Burg Spreewald – bequem an einem Tag abradeln. Und man findet jederzeit Lokale für eine Gurkenbrotzeit oder ein lokales Babben-Bier!

Warum landet man in Großräschen (Vorsicht bei der Reihenfolge der Buchstaben im Mittelteil)? Weil in Senftenberg alle ansprechenden Quartiere ausgebucht sind. So zuckelten wir nur 40 km an diesem Tag aus dem Spreewald über Calau und Altdöbern in Richtung Niederlausitz. Dieser Teil Ostdeutschlands ist ländlich und sichtlich überaltert – aber gepflegt! Hinnerk meint: „Hier kann ja vom Boden essen!“ Ja, sofern was angeboten wird:) Wir waren froh, wenn wir ein Lokal oder Geschäft fanden.
Das ehemalige Braunkohleabbaugebiet rund um Senftenberg ist heute eine großflächige Seenlandschaft. Unser Haus Vier bot ein schickes Restaurant direkt am Großräschener See und im 1. Stock drei Zimmer, die mich einrichtungstechnisch an meine Jugend erinnerten. Für Radler wie uns ideal. Für Honeymooner eher ernüchternd. Nach einem Bad im See testeten wir die lokalen Spezialitäten – bis hin zum Spreewald-Bitter. Unspektakulär, aber irgendwie gemütlich und auf eine angenehme Weise ostdeutsch.

Der Weg in die Großstadt führte uns erstmal vorbei am Lausitzring und dann über sandige Pisten durch die Idylle der Oberlausitzer Heide. Dieser Abschnitt ist noch dünner besiedelt als die Etappe des Vortags. Erst als wir Sachsen erreichten, kam wieder mehr Leben in und an die Straßen. Wir schnitten mitten durch das Dreieck Radeberg, Radeburg, Radebeul und fuhren von oben nach Dresden hinein. Mitten in der Neustadt liegt das Boutique Hotel Rothenburger Hof – was ein bissl altmodisch klingt, aber in Wahrheit cool und lässig ist (samt Pool). Wir schlenderten abends nur kurz durch die Nachbarschaft, weil unsere Beine nach gut 80 km nicht nach langen Märschen schrien. Sondern nach Pasta, Wein und Gin Tonic! Die Silhouette der Altstadt würden wir morgen auf dem Weg nach Süden bewundern.

Mit der Fähre querten wir auf die andere Seite. Von jetzt an ginge es entlang der Elbe und das bedeutete: keine größeren Steigungen in Sicht. Dafür Pirna, die Überraschung des Tages: Ein schönes Städtchen in Sachsen mit langer Geschichte und langer Thüringer! Wurst vom Markstand. So gestärkt radelten wir schwungvoll vorbei an den Felsmassiven des Nationalparks Sächsische Schweiz – mit Blick auf die Bastei – und trudelten nach gut 40 km locker in Bad Schandau ein. Wir gönnten uns eine Nacht im besten Hotel am Platz. Es hätte uns nicht gewundert, wenn auf dem Weg zur Sauna ein s/w Bild von Erich Honecker an der Wand vergessen worden wäre.
Wir zwei Boomer zogen das touristische Durchschnittsalter deutlich nach unten. Nach oben ging der Aufzug zur Aussichtsplattform vorm Hotel. Das lohnt sich! Ebenso ein Besuch Gasthaus „Franz“ im Zentrum.

Die Elbe konnte sich relativ geradlinig durch das Sandsteingebirge graben – war ja nur Sand… In diesem Abschnitt kleben Straße, Bahnstrecke, und Radweg eng nebeneinander. Wir waren Mini-Radler in einer märchenhaften Modelleisenbahnlandschaft – wie aus dem Bilderbuch!
Nach Deçin öffnet sich die Landschaft Richtung Aussig/Usti nad Labem. Kurzzeitig verließen wir die Elbe für eine Abkürzung – und das rächte sich direkt mit einem 4 ½ km Anstieg. Aber der Bayerwald-Radler weiß: Wo es bergauf geht, muss es irgendwann wieder bergab gehen. Dies noch im Hinterkopf rasten wir steil hinab nach Leitmeritz, einem netten, kleinen Städtchen – von dem wir zuvor noch nie gehört hatten. Wir wohnten in der gepflegten Pension Mácha und tranken unsere heutigen Pilsener Urquell – bestes Bier der Welt – diesmal auf dem Marktplatz

Bevor wir uns wieder ans Elbufer hefteten, machten wir einen Abstecher zur Gedenkstätte KZ Theresienstadt, nur 5 km von Leitmeritz entfernt. Danach verschleppten wir das Tempo auf der Fahrt durch eine – für uns neue – böhmische Landschaft und pausierten mit Überlänge bei Sviçkova und Rindergulasch in Roudnice. Erst Melnik verlangte uns etwas Schweiß ab – mit dem Zieleinlauf am Berg, hin zu unserem Hotel Rudolf. Dort oben vom Schlossberg sieht man gut, wie die Moldau in die Elbe mündet. Aber es war Freitagabend und die Abba-Revival-Band stand auf der Bühne. Summer Night City? Take a Chance on us!

Auslaufen in die tschechische Hauptstadt. Wir kamen von Norden nach Prag und erwischten einen Traumtag für einen Blick über die Goldene Stadt vom Aussichtspunkt Vyhlídka na Letné. Als wäre dieser Blick sinnbildlich für unsere Radtour: wunderschön, makellos, herzergreifend und gleichzeitig so erwärmend, dass wir auf der direttissima nach unten auf die kleine Seite, Mala Strana, zu unserm Hotel U Pava stachen für eine kurze Dusche und zwei (oder waren es drei?) Pilsener Urquell.
Ich war zur samtenen Revolution an Silvester 1989 in Prag und danach viele Mal mehr. Seither hat sich die Stadt sehr vorteilhaft entwickelt. Fast alle grauen, verfallenen, sozialistischen Spuren sind verschwunden. Prag präsentiert sich heute als moderne, dynamische und offenbar sehr beliebte tschechische Hauptstadt. Das freut mich zu sehen. Es bleibt nicht aus, dass sich in den Hotspots wie der Altstadt eine gewisse Dienstleistungsmüdigkeit einstellt. Aber wer sollte das den Angestellten verdenken angesichts zahlloser Junggesellenabschiedstouren oder orientierungsloser Touri-Gruppen… Das ist Teil des Geschäfts und des Erfolges.

Am Prager Hauptbahnhof trennten sich unsere Wege: Hinnerk nahm den Zug zurück nach Berlin, ich den Regionalexpress nach Pilsen. Ohne Hinnerks Führung navigierte ich etwas holprig durch Westböhmen. Die Fahrt zu zweit war mir wesentlich lieber, in jeder Hinsicht.
Vom Western Country Saloon in Klattau aus wollte ich am nächsten Tag mit dem Rad durch den Böhmerwald über Neuern und Špičak. Der Gewitterregen am Morgen überzeugte mich schnell, dass die Bahn die bessere Option bis zur Grenze wäre. In Bayerisch Eisenstein sattelte ich wieder auf und fuhr entlang des Regens die letzten Kilometer unserer Radtour 2026, nahm dann die Bahn nach Plattling, sperrte mein Rad in die Garage und fuhr erschöpft und zufrieden nach Hause.

Dass alles so glatt und gut lief, ist keine Selbstverständlichkeit: 9 Tage, 550 km, keine Panne, kein Unfall, kaum Regen, angenehme Temperaturen, gutes Essen, grandioses Pilsener Urquell, schöne Unterkünfte und das Wichtigste: eine gute Zeit mit einem guten Freund.
Hinnerk stellte mit Hilfe von Komoot hervorragende Etappen zusammen, deutlich bessere als Google Maps im Vergleich angeboten hätte. Die Radwege waren fast durchgehend in sehr gutem Zustand, weitestgehend asphaltiert oder zumindest gut befestigte Feldwege. Komoot führte uns nur selten auf Straßen, so dass wir unbeschwert die Natur und Umgebung genießen konnten. Kurzum: Die Route Berlin-Prag ist erstklassig erschlossen für Radtouren
Uns reichte je eine Satteltasche für die 9 Tage: Helm, Brille, Fahrradklamotten in dreifacher Ausführung, Waschzeug, Regenjacke, Fleecejacke, Shirts und Hosen für die Abende. Man kann ja zwischendurch mal waschen.
An der Grenze wechselten wir 50 € in Kronen. Das hat für uns beide gereicht, weil man in Tschechien eh fast überall mit Karte bezahlen kann. In Deutschland ist das, wie wir wissen, immer noch nicht überall durchgedrungen. Also nehmt ein paar Euros mit für die ewig gestrigen „Cash only“ Lokale im Spreewald…
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