Deutschland Studie ZDF: Statistik für den Durchschnittsmenschen

Bewohner oder Studie: Wer weiß, wo es sich am besten lebt?

Reisezeit und Dauer

Das ganze Leben immer wieder

Im Mai 2018 schwemmte es wieder mal eine Untersuchung auf den Tisch, die uns erzählen will, wo es sich am besten lebt: Die Deutschland Studie ZDF. Zu allem Überfluss landete München auch noch auf Platz 1.  Hamburg, die nach Überzeugung der Hamburger schönste Stadt, nur auf 155.  Der coole place-to-be Berlin auf einem uncoolen 189. Platz. Stuttgart als no-go-area außerhalb Schwabens immer hin auf Rang 31.

Natürlich könnte man auch Übernachtungszahlen heranziehen, wenn man die Städte nach Attraktivität ordnen möchte. Aber Zahlen und Daten sind ja so dehnbar wie langweilig. Viel interessanter ist die Frage, was die Bewohner von ihrer eigenen Stadt halten. Weil die kennen sie besser als jeder andere.

Eine Stadt wie ihre Leute

Mein Leben im Vertrieb brachte mich an unterschiedliche Arbeits- und Wohnorte. In Hamburg ging es los. Danach, direkt nach der Wende, durfte in Berlin mitten am Alexanderplatz arbeiten. Später zog ich  hin und her von München nach Hamburg. Es folgten 2 Jahre Frankfurt und 2 Jahre in Stuttgart , wo die grandiose Erfahrung einer Mitt-40er-Männer-WG machen durfte. In Düsseldorf war ich zwar nie „fest“, aber irgendwann habe ich mal meine Flüge nach Düsseldorf gezählt: Über 120 Mal landete ich dort, meist für einen Tag, aber manchmal blieb ich auch hängen.

Manche wollen sich streiten, ob Hamburg schöner ist oder Berlin cooler. Never ending Pillepalle. Viel interessanter zu beobachten fand ich, wie die Städter selbst ihre Stadt bewerten, leben und erleben. Wenn Hamburger am Mittelmeer vom Elbstrand schwärmen oder Münchner im Central Park vom Biergarten träumen, dann wird spürbar, ob und wie sie ihre Stadt lieben. Aus hunderten solcher Erlebnisse und Gespräche habe ich für mich folgende Selbstbilder aufgezeichnet:

Berliner und Berlin

Vor der Wende hat Berlin keiner ernst genommen. Plötzlich wurde die verträumte Insel zur Hauptstadt. Die echten Berliner scheint das wenig zu beeindrucken. Alle Zugezogenen hoffen ständig, dass irgendwas Mondänes auf sie abfärbt. Eine Berliner Identität gibt es kaum. Der Spruch „Ich bin ein Berliner“ hängt ziemlich ungelebt in der Luft. Berlin ist halt groß, bunt, wichtig. Na und?

Düsseldorfer und Düsseldorf

Den Gegenentwurf zu den Berlinern leben die Düsseldorfer. Sie bekennen sich zu ihrer Stadt und finden sie toll. Aber sie sind wirklich die einzigen, die so denken. Das zeigt, dass Identität keine Hauptstadtwürden, Monumente oder Sehenswürdigkeiten braucht. Es reicht eine lange Theke für ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, rheinische Unbekümmertheit und ein Fussballverein namens Fortuna.

Frankfurter und Frankfurt

Im Verdacht, eine schöne Stadt zu sein, steht Frankfurt beileibe nicht. Aber so wie Hamburg zu schön geredet wird, scheint mir Frankfurt klischeehaft schlechter geredet zu werden – vor allem von Leuten, die die Stadt nicht kennen. Frankfurt ist eine Art internationaler Basar mit hessischer Prägung, auf dem keiner fragt, wo man herkommt, weil eh klar ist, dass fast jeder woanders herkommt. Die Frankfurter bilden daraus eine selbstbewusste Subkultur.

Hamburger und Hamburg

Hamburger erzählen – gerne unaufgefordert, sie kämen aus der schönsten Stadt der Welt und dass das Wetter gar nicht so schlecht sei, was nicht nur für Leute verdächtig klingt, die schon mal länger in Hamburg waren. Hamburger sind auch diejenigen, die tief verwurzelt und ganz schwer weg zu bewegen sind. Und weil sie scheinbar dort bleiben müssen, reden sie sich ihre durchaus schöne Stadt immer noch ein Stückchen schöner.

Stuttgarter und Stuttgart

Stuttgart ist vor allem eins: schwäbisch. Was sich nicht nur in der Sprache äußert, sondern auch in der Betriebsamkeit und im Umgang mit dem Wohlstand. Der wird demonstrativ bescheiden zur Schau gestellt. In Berlin wird er angezündet, in Stuttgart wird der Porsche zur Selbstverständlichkeit. Stuttgarter sind stolz auf ihre Stadt, solange sie dort sind. Am Prenzlauer Berg trainieren sie sich das Schwäbische ab.

Münchner und München

Wenn die Münchner unter etwas leiden, dann vielleicht, dass ihre Stadt gerne als Dorf bezeichnet wird. Gerade von Berlinern oder Hamburgern oder solchen, die Münchnern an den Karren fahren wollen. Meist aus Neid, denn sie ahnen, wie die Münchner leben: Im Gefühl von allem das Beste bekommen zu haben – und davon reichlich. Es ist diese schier unantastbare Glückseligkeit, die die anderen zum Wahnsinn treibt, und die Münchner in einer entspannten, verlässlichen Beziehung zu ihrer Stadt hält.

Kann es nur eine geben?

Für meine Vorlieben – Berge, Seen, Italien, Biergärten, schönes Wetter un die bayerische Lebensart – ist München heute ganz klar die Nummer 1. Ich stand lange auf Kriegsfuss mit der Bussi-Gesellschaft und den überspannten Hühnern und Gockeln. Aber erstens finde ich, hat sich in den letzten 10 Jahren bundesweit eine Selbstfindung, und Normalisierung eingestellt nach den hedonistischen Konsumorgien der 90er. Von dieser Ernüchterung hat die Stadt München, die im tiefsten Rausch dahin schmorte, am meisten profitiert.  Zweitens habe ich nach Jahren der Pendelei und Umzüge endlich Fuss gefasst in dieser Stadt und lebe nicht nur in ihr sondern mit ihr.

Viele gehen nach Berlin, Hamburg oder München, weil die Städte angesagt sind. Meiner Meinung nach macht es das Leben wertvoller, die Stadt und nicht ihr Image lieben zu lernen. Dann kann man es überall sehr gut aushalten. Egal, ob in Wolfsburg, Gelsenkirchen, Hamburg oder Zwiesel.

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© Thomas Bily, rockingtravel.com